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Sonntag, 22. Oktober 2017

150 Jahre Technischer Verein

Die Geschichte des Technischen Vereins beweist, dass er sich nie damit begnügte, nur Sammelbecken jener zu sein, die sich für technische Fragen interessierten.

Von seinen Mitgliedern gingen Aktivitäten aus, die bis in die Gegenwart wirken. So steht die Gründung des heutigen Technischen Überwachungsvereins (TÜV), einst als Bayerischer Dampfkessel-Revisionsverein ins Leben gerufen, in engem Zusammenhang mit dem Technischen Verein. Er war Wegbereiter für entsprechende Gesetze und Verordnungen.

Das Reichsversicherungsamt bezeichnete die vom Technischen Verein verfassten Unfallverhütungsvorschriften als mustergültig. Selbst die Reichskommission für das Unfallversicherungsgesetz in Berlin legte ihren Beratungen im Jahre 1880 diese Verordnungen zugrunde. Und Johannes Haag*, der 1845 die erste Zentralheizung in Deutschland gebaut hat, veranlasste den Verein, zusammen mit einigen bedeutenden Industriefirmen Berlins, nach der Reichsgründung eine Petition an den Reichstag zu richten, um ein deutsches Patentgesetz anzuregen.

Der Verein kümmerte sich auch um Zölle, die ja bis zur Gründung des Deutschen Reichs zum Teil noch zwischen den einzelnen deutschen Staaten erhoben wurden. Er befasste sich mit Unfallverhütung, Nachtarbeit der Frauen, Frachtpolitik und mit dem Bau neuer Eisenbahnstrecken. So wurde die Projektierung einer Gürtelbahn um Augsburg, der heutigen Augsburger Lokalbahn, von den Vereinsmitgliedern erörtert.

Weitere Aktivitäten entwickelte der Technische Verein auf dem sozialen Sektor. Heute kann sich niemand mehr vorstellen, dass noch in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts Arbeitszeiten von morgens 6 Uhr bis abends 20 Uhr bei nur einer Stunde Pause an der Tagesordnung waren.

Als Beispiel für die weit über Bayern hinaus wirkende Ausstrahlung dieser Pioniertätigkeit des Technischen Vereins von 1845 seien die vom damaligen Vorsitzenden, Reichsrat Theodor Ritter von Haßler*, zur Zeit Bismarcks geführten Verhandlungen mit der Reichsregierung angeführt. Fürst Bismarck schrieb am 6. Mai 1889 an den Verein und seinen Vorsitzenden:

„Es hat mich sehr gefreut, aus Ihrem Bericht zu ersehen, wie die Augsburger Industrie bestrebt ist, für das Wohl ihrer Arbeiter zu sorgen, und ich bin überzeugt, dass das hierdurch hergestellte gute Verhältnis zu der gedeihlichen Entwicklung, daran sich die dortige Industrie erfreut, wesentlich beigetragen hat."

In diesem Zusammenhang seien die Namen einiger Industriebetriebe genannt, deren Gründung und weiteres Wachstum vom Technischen Verein in den zurückliegenden 150 Jahren mit Interesse beobachtet wurde, zumal auch eine Reihe dieser Firmengründer Mitglieder des Vereins waren. Diese Zusammenstellung kann nur einen Ausschnitt der industriellen Aktivitäten innerhalb der Stadt Augsburg zeigen. Wollte man einen detaillierten Überblick geben, müsste man ein Buch schreiben.

So stand 1895 zum 50jährigen Jubiläum in der Augsburger Presse:

„Es gibt fast kein Thema in technischer Hinsicht, fast keine Frage von lokalindustrieller oder wirtschaftlicher Bedeutung, die im Technischen Verein nicht eingehend Beratung und sachgemäße Behandlung gefunden hätte, und es ist geradezu eine unglaubliche Summe von Arbeitsleistung, welche die Geschichte des Vereins in den letzten 25 Jahren aufweist."

Die Sander'sche Maschinenfabrik wurde zwar schon 1840 gegründet, also noch vor dem Technischen Verein. Doch schon 1844 übernahmen Carl August Reichenbach* und sein Schwager Carl Buz den Betrieb in Pacht. 1855 erwarben sie ihn. Schnellpressen, Dampfkessel, Dampfmaschinen und Wasserturbinen standen am Anfang der Produktion; die erste Rotations- druckmaschine wurde 1873 gebaut. Fast vergessen ist, dass die Linde-Kältetechnik bei der MAN entwickelt wurde. Über Prof. Linde* kam übrigens sein Schüler Rudolf Diesel mit der MAN in Verbindung. Dort konnte er zwischen 1893 und 1897 den nach ihm benannten Motor entwickeln. Heute reicht die Produktskala der MAN bis zur Raumfahrttechnik.

1847 wurde das Augsburger Gaswerk gegründet.

Im gleichen Jahr begann Martini & Cie., 1832 in Haunstetten ins Leben gerufen, in Augsburg mit dem Aufbau einer Bleicherei, Färberei, Textildruckerei und Appreturanstalt (Ludwig* und Clemens* Martini).

1849 betreibt Georg Haindl* eine Papiermühle in Augsburg, die durch seine Söhne Friedrich* und Clemens Haindl schnell zu einer Holzstoffabrik ausgebaut wird. Heute befindet sich Deutschlands größter Papierhersteller in der 5. Generation.

1855 begann die Nähfadenfabrik Göggingen, später Ackermann, mit der Produktion.

1857 wandte sich Ludwig August Riedinger dem Bau von Maschinen und Gasapparaten zu, nachdem er, der gelernte Schreiner, sich vorher bei der Mechanischen Baumwollspinnerei und -Weberei 1839 zum Spinnmeister und 1842 zum Direktor emporgearbeitet hatte. Mit seinen Gasanstalten sorgte er im In- und Ausland für die Beleuchtung der Straßen. 1865 rief Ludwig August Riedinger die Augsburger Buntweberei ins Leben.

Die Maschinen- und Bronzewarenfabrik übernahm 1883 der Sohn August Riedinger*, der auch die Bemühungen von August von Parseval beim Bau eines lenkbaren Luftschiffes unterstützte. Dafür erstellte er sogar die nach ihm benannte Ballonfabrik. Auch ein Flugzeug baute er damals, doch es kam nie in die Luft, weil dafür kein ebenso leichter wie leistungsfähiger Motor aufzutreiben war. Mit einem Ballon des Unternehmens startete Professor Auguste Piccard* am 27. Mai 1931 von Augsburg aus in die Stratosphäre und erreichte eine Höhe von 15 781 Metern.

1866 nahm die 1836 ins Leben gerufene J.N. Eberle & Cie GmbH (Jean Norbert Eberle*) zur Produktion von Laubsägen auch die Herstellung von Uhrfedern auf. 1981 wurde Heinz Greiffenberger Inhaber. Zu den heutigen Erzeugnissen gehört u.a. auch gehärteter Edelbandstahl.

1873 begann Johann Renk* in einer Werkstätte mit der Herstellung von Zahnrädern. Daraus entwickelten sich die heute zum MAN-Konzern gehörenden Firmen Renk und Renk-Tacke, die Großgetriebe für Land- und Wasserfahrzeuge sowie für stationäre Anlagen bauen.

1875 begann Wilhelm Zeuner mit der Produktion von Bau- und Bedachungsartikeln.

1910 übernahm die Familie Stärker* den Betrieb, der heute als Zeuna-Stärker GmbH & Co. KG firmiert. Der Schwerpunkt der Produktion liegt bei Katalysatoren, Abgasschalldämpfern und bei Rußpartikelfiltern für Dieselmotoren.

1879 nahm das Wasserwerk beim Hochablass die städtische Wasserversorgung auf.

1885 begann Hans Kleindienst* mit dem Bau von Maschinen, auf denen Korsett-Teile hergestellt werden konnten. Der weitere stetige Aufstieg führte über Aufzüge und Wäschereimaschinen zu Autowaschstraßen, Lager- und Datentechnik.

1896 begann die Firma Prinz mit Farbdrucken auf Textilien (Fritz Prinz*).

1898 ist das Gründungsjahr von drei heute noch bedeutenden Unternehmen. Bei Deuter entwickelte sich die Produktion von Segeltuchen, Säcken und Decken bis zur Schwerweberei, ergänzt durch Zelt- und Lagerhallenvermietung.

Über die Lech-Elektrizitäts -Werke (LEW), die Schwaben mit Strom versorgen, braucht wohl nicht viel gesagt zu werden. In jenem Jahr eröffneten auch die Jugendfreunde Hans Keller und Jakob Knappich* ihre eigene Firma, in der sie Acetylen-Generatoren für die Haus- und Städtebeleuchtung herstellten. Um 1905 befassten sie sich mit der neu aufgekommenen autogenen Schweißtechnik. Zur Produktion von Kesseln und Behältern für Kommunalfahrzeuge gesellte sich 1927 der KUKA-Drehtrommel-Müllwagen, der im In- und Ausland größtes Interesse fand. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden u.a. Textilmaschinen (bis 1964) und Schreibmaschinen (bis 1968) gebaut. 1970 erfolgte die Verschmelzung von Keller & Knappich mit den Industrie-Werken Karlsruhe AG. 1980 wurden die Bereiche der Augsburger Niederlassung zu selbständigen Gesellschaften innerhalb der IWKA-Gruppe, nämlich KUKA Schweißanlagen + Roboter GmbH, KUKA Wehrtechnik GmbH und KUKA Umwelttechnik GmbH. Das letztgenannte Unternehmen wurde 1983 an Faun verkauft.

1900 wurde die Holzhäusersche Maschinenfabrik gegründet, aus der 1909 die Alpine GmbH hervorging. Seit 1921 Aktiengesellschaft, rief die Firma 1931 die Deutsche Ferrozell GmbH ins Leben. Maschinen für mechanische Verfahrenstechnik und für die Kunststoffverarbeitung dominieren heute.

1902 kaufte der Ingenieur August Pfaff*die Windenmacher-Werkstatt der Firma Gottfried Schober und gründete 1919 zum Schutz der Bürger während der Räterepublik die Stadtwehr Augsburg - eine 4000 Mann starke Bürgerwehr, deren Kommandant er bis zur Auflösung 1921 war. Die Staatsregierung dankte ihm mit dem Titel Kommerzienrat. Dem Technischen Verein von Anbeginn verbunden, befindet sich die Pfaff-Silberblau Hebezeugfabrik GmbH heute in der 4. Generation.

1916 startete Dr.-Ing. Edmund Rumpler, der 1908 in Berlin mit dem Bauen von Flugzeugen begonnen hatte, in Augsburg ein Zweigwerk, das über die Bayerischen Flugzeugwerke schließlich 1938 zur Messerschmitt AG wurde. Rumpier, ein gebürtiger Wiener, wandte sich nach dem Ersten Weltkrieg dem Automobilbau zu und erfand den Vorderradantrieb und die Schwingachse.

1918 erwarb die seit 1805 in Langenbielau in Schlesien bestehende Firma Christian Dierig in Augsburg die Mechanische Weberei am Mühlbach. 1930 kam die Mehrheitsbeteiligung an der Baumwollspinnerei am Stadtbach und an der Spinnerei am Fichtelbach dazu. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Augsburg zum Firmensitz. Heute werden Garne, Heim- und Haus-Textilien sowie technische Gewebe hergestellt.

1919 war das Geburtsjahr der Firma Erhardt und Leimer*. Aus einer Generalvertretung für Uhren und Zähler wurde ein bedeutendes Unternehmen für Feinmechanik, Elektrotechnik und Elektronik.

1930 nahm Professor Theodor Fischer im Generalbebauungsplan für Augsburg eine alte und immer wiederkehrende Idee auf. Er plante im Norden der Stadt einen Binnenhafen mit Kanalanschluß zur Donau und zum Rhein-Main-Donau-Kanal. Derlei wollte 1901 schon der Architekt Karl Albert Gollwitzer*.

1945 gründeten Max Böhler* und Ferdinand Weber* eine Schlosserei. 1952 erstellten sie die erste Chemischreinigungsmaschine und 1953 nahmen sie auch den Bau von Schneideautomaten für Endlosdrucke auf. Heute ist das Unternehmen in die Firmen Böwe-Passat für die Reinigungstechnik sowie Böwe-Systec AG aufgeteilt. Letztere ist weltweit für ihre Informations- und Systemtechnik bekannt.

1947 kam die deutsche Filiale des amerikanischen Unternehmens NCR von Berlin nach Augsburg. Hier wandelte sich die Produktion von Registrierkassen zu Entwicklung und Fertigung von Computern.

1959 startete Siemens in Augsburg ein Werk für Relaisfertigung und Signaltechnik. Seit 1979 ist der Schwerpunkt bei Datensichtgeräten und Personalcomputern.

Nicht vergessen sei ein Augsburger, der auswärts Karriere gemacht hat. Georg Krauß (1826 - 1906) war zunächst Lokomotivführer, bald Einsatzleiter bei der Königlich-bayerischen Staatsbahn und schließlich in Zürich Konstrukteur von Dampflokomotiven. 1866 machte er sich in München selbständig und gliederte seinem Unternehmen 1880 noch ein Zweigwerk in Linz an der Donau an. Wegen der Weltwirtschaftskrise musste das Linzer Werk 1930 geschlossen werden. Das Münchner Werk wurde 1931 mit Maffei vereinigt und hat unter dem Namen Krauß-Maffei noch heute einen ausgezeichneten Namen. Auf österreichischen Nebenbahnen und auf der kurzen Strecke von Prien nach Stock am Chiemsee kann man noch heute mit Krauß-Dampflokomotiven fahren, die aus dem vorigen Jahrhundert stammen.

Was der Technische Verein vor 150 Jahren begonnen hat, nämlich nicht nur Fachleute mit technischen Fragen zu konfrontieren, sondern auch breitere Bevölkerungsschichten dafür zu interessieren, hat Früchte getragen. Daß heute technische Experten ihre speziellen Probleme in fachlich aufgegliederten Vereinen und Gruppen diskutieren, tut dem Verdienst des Technischen Vereins von 1845 keinen Abbruch. Mit Fachvorträgen und Betriebsbesichtigungen ist er nach wie vor bemüht, mit technischen Neuerungen bekanntzumachen, aber auch um Verständnis für technische Belange zu werben. Diese Doppelgleisigkeit dürfte dem Verein auch im nächsten Jahrhundert noch eine Fülle von Aufgaben bescheren.