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Montag, 22. Juli 2019

Die Ära Haßler

1869

Theo. von Haßler

Am 4.10. wählte der Verein den Garanten der Baumwollspinnerei um Stadtbach*, Theodor Haßler, in den Ausschuß. Bereits am 21. Februar 1870 wurde Reichsrat Ritter Theodor von Haßler mit dem Vorsitz des Vereins betraut. Haßler war es dann, der der rasanten Entwicklung der Augsburger Industrie Rechnung trug. Er schuf als Untergliederungen des Vereins vier Sektionen und zwar je eine Mechanische Sektion, Bau-Sektion. Physikalisch-Chemische Sektion und Industrie-Sektion.

Diese Sektionen besetzte er jeweils mit drei bis sieben Mitgliedern und ließ diese eigenverantwortlich alle in ihre Fachgebiete fallenden Fragen behandeln.

( Reichsrat Ritter (Johannes Konrad) Theodor von Haßler Geb. 3.7.1828 Ulm, gest. 28.2.1901. Augsburg, Industrieller 1843-1846 Optikerlehre in Ulm, 1847-1849 Volontariat und Studium an der Polytechnischen Schule Karlsruhe. 1848 Freikorpsmitglied. 1849 Praktikant, 1850 Ingenieur in der Reichenbachschen Maschinenfabrik (MAN). 1857 Wechsel in die Textilindustrie zu L.A.Riedinger; leitender Ingenieur bei der Errichtung von Baumwollspinnereien in Bayreuth, Bamberg und Köln. Auf seine Anregung hin 1859/60 Gründung der Baumwollspinnerei Kolbermoor, deren technische Leitung er nach Weiterbildung in England 1862 übernahm. 1868-1889 Generaldirektor der Baumwollspinnerei am Stadtbach, der damals größten Baumwollspinnerei Deutschlands. Seit 1881 Verwaltungrat der M.A.N., seit 1885 Aufsichtsrat. Seit 1870 Vorstand des Technischen Vereins Augsburg (bis 1900) und Ausschußmitglied, später Präsident des Vereins Süddt. Baumwollindustrieller. 1875 Mitbegründer des Centralvereins Dt. Industrieller und seit 1880 dessen Präsident. Reichrat der Krone Bayern. 1893 württembergisches, 1897 bayerisches Ritterkreuz. 1898 bayerischer Personaladel.)

Ideenbörse für technisch Interessierte

1871

Mit dieser Neuordnung war der Technische Verein zu einem Sammelpunkt aller für technische Angelegenheiten sich interessierenden Männer in und um Augsburg geworden. Der damalige Chronist berichtet, daß sich der Verein von diesem Zeitpunkt ab auch an „Fragen des öffentlichen Lebens" beteiligte. Aus der Gliederung in verschiedene Sektionen, die sich durch Jahre ausgezeichnet bewahrt hatten, gingen schließlich selbständige Organisationen und Vereine hervor.

Die Spinner, die Weber und der Lech

Augsburger Kammgarnspinnerei (AKS)

1861 beschließt die traditionsreiche Augsburger Weberzunft ihre Auflösung und verkauft das große Zunfthaus am Moritzplatz.

Anhaltender Druck der englischen und sächsischen Konkurrenz auf das Augsburger Textitgewerbe führte bereits Anfang des 19. Jahrhunderts zu einem Sterben der Kattunfabrikation. Auch die manuelle Baumwollweberei hält dem Wettbewerb der Maschinenweberei nicht mehr stand. Nur Fabriken mit mechanisierter Massenfertigung produzieren wieder rentabel. Die reichlichen Wasserkräfte aus Lech und Wertach helfen durch billige Energie.

So entstehen 1836 die Augsburger Kammgarnspinnerei (AKS). 1837 die Mechanische Baumwollspinnerei ( SWA ) und 1851 die *' Baumwollspinnerei am Stadtbach, seit I930 im Besitz von Dierig.

Dieser Betrieb verfügt zunächst über eine von Ludwig Sander geschaffene Wasserkraft von 270 PS. Eine zweite wird 1874/75 errichtet und bis Ende der achtziger Jahre auf 9 Turbinen mit insgesamt 2000 PS erweitert. Ein drittes Kraftwerk entsteht nach Verlängerung des Proviantbaches am Zusammenfluß mit dem Stadtbach in der Wolfzahnau. Damit verfugt diese Fabrik über die gesamte Wassermenge der Lech- und Brunnenbachkanäle mit einer Leistung von nahezu 4000 kW.

Dann bauen wir eben selbst eine Bahn!

Der Friede zu Frankfurt am Main beendet 1871 den Deutsch-Französischen Krieg, der die Lösung so mancher Probleme in den Hintergrund drängte. Von Bismarck wird erster Reichskanzler und die Augsburger Industrie erörtert erneut ihre innerstädtischen Verkehrsprohleme.

David Endres (1835 - 1908), Ingenieur und Hydrotechniker, war bis 1859 Technischer Direktor der Baumwollspinnerei am Stadtbach, bevor er zum Stadtbauamt wechselt, wo er 1891 zum stellvertretenden Baurat für Tiefbau ernannt wird. Er faßt 1871 die seit Jahren von der Augsburger Industrie diskutierten Projekte zur Verbesserung der noch immer mittelalterlichen Verkehrsverhältnisse zu einem Vortrag vor dem TVA zusammen. Sie lassen aber noch keine befriedigende Lösung erkennen, die an der Stadtperipherie angesiedelten Industrieunternehmen mit dem seit 1845 am heutigen Standort in Betrieb genommenen Hauptbahnhof zu verbinden.

Er war nach Verknüpfung der 1840 eingeweihten Münchner Strecke mit der 1844 bis Nordheim eröffneten Donauwörther Linie auf der grünen Wiese errichtet worden. Der innerstädtische Transport von Kohle und Industrieerzeugnissen muß noch immer mit Pferdefuhrwerken abgewickelt werden.

Erst der energischen Initiative des TVA-Mitgliedes Heinrich von Buz verdankt die im Jahre 1889 gegründete "Actiengesellschaft Augsburger Localbahn" ihr Entstehen. Das von David Endres 1871 in seinem Vortrag vorgestellte Projekt „Gürtelbahn um die Stadt" kann endlich Gestalt annehmen.

Zeitungspapier ohne Ende ?

1849 kauft das spätere TVA-Mitglied Georg Haindl die stillgelegte Sieber'sche Papierfabrik am Malvasierbach. Damit beginnt der Aufstieg eines Familienunternehmens zur „Haindl-Gruppe", die heute mit einer Jahresproduktion von mehr als 1,5 Millionen Tonnen und weiteren Werken in Schongau am Lech, Duisburg-Walsum und Schwedt an der Oder zui den führenden Papierherstellern Europas zählt. Ein Unternehmen in Renkum/NL und eines in Seattle/USA runden die Haindl-Gruppe ab.

Die enge Nachbarschaft zur Augsburger Maschinenfabrik und der dort 1973 unter Führung von Heinrich von Buz entwickelten und nach Plänen von Gustav Bissinger gebauten Rotationsdruckmaschine für Endlospapier fährt mit der Fabrikation von „Rollenpapier" in technisches Neuland und zu weiterem Erfolg.
Beide Erzeugnisse zusammen erreichen auf der im gleichen Jahr stattfindenden Weltausstellung in Wien beachtliches Aufsehen. Die einsetzende Weltwirtschaftskrise beendet die „Gründerjahre" und weist die Erfolgserwartungen in ihre Grenzen.

Das Reichspatentamt, eine Forderung aus Augsburg?

Johannes Haag,1819 in Kaufbeuren geboren, studiert Maschinenbau an der Polytechnischen Schule in Augsburg, arbeitet danach in leitender Stellung bei Escher, Wyß & Co in Zürich und geht 1842 zu einem Studienaufenthalt in das industriell führende England. Dort lernt er unter anderem die Perkin'sche Heißwasserleitung und Dampfheizung kennen.

1843 zurückgekehrt, gründet er in Kaufbeuren seine „Werkstätte für allgemeinen Maschinenbau und für die Herstellung von Zentralheizungen". Sein erster Auftrag gilt dem Schloß Sigmaringen, das somit die erste Dampfheizung Deutschlands erhält. Ex folgen Aufträge der Höfe von München, Wien. Berlin und Petersburg.
Das sich rasch entwickelnde Unternehmen wird 1857 unter dem Firmennamen „Maschinen- und Röhrenfabrik Johannes Haag" nach Augsburg verlegt, der Gründer in den TVA aufgenommen.

Die Vielzahl seiner Erfindungen macht ihn zum hartnackigen Verfechter eines Deutschen Patentrechts. Er gilt als Hauptinitiator des 1877 in Berlin gegründeten Reichspatentamtes.

Seit 1948 in München als nunmehr Deutsches Patentamt angesiedelt ist es heute eine dem Bundesjustizministerium unterstellte Behörde mit verwaltender Funktion in Patent-, Gebrauchsmuster- und Warenzeichensachen.

Fürst Bismarck, der TVA und die Sozialpolitik

Kapitalistische Ausbeutung entzündet die Sozialrevolution des Neunzehnten Jahrhunderts. Ungerechtigkeiten des Reichs-haftpflichtgesetzes von 1871 verstärken die Unruhen unter der Arbeiterschaft Fürst Bismarck erkennt die sozialen Ungerechtigkeiten als latente Gefahr für den inneren Frieden des Reiches. Seine Bemühungen gelten einer umfassenden Sozialversicherung. Eingehende Besprechungen mit Großindustriellen sowie Vertretern aus Handel und Gewerbe bleiben nicht ohne Einfluss auf die Gesetzentwürfe zur Bildung der genossenschaftlichen Unfallversicherung, des gewerblichen Krankenkassenwesens, der Alters- und Invalidenversicherung wie auch des Arbeiter-Schutzgesetzes als Teil der Gewerbeordnung.

Der TVA darf für sich in Anspruch nehmen, eine Reihe von Initiativen zur Sozialgesetzgebung, Arbeitszeitgestaltung und Frauenarbeit eingebracht zu haben. Bismarcks Dankschreiben an den TVA und das anlässlich seines Augsburg-Besuches 1892 vordem Rathaus entstandene Foto zeugen von diesen Kontakten.

Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit

1877

Nicht verwunderlich war es, dass die Zusammenarbeit mit dem Verein Deutscher Ingenieure sehr eng wurde, war doch dessen erster Vorsitzender, Professor Zemann, zugleich auch zweiter Vorsitzender des Technischen Vereins. Das VDI-Lokal stand nun auch dem Technischen Verein offen, wodurch die Kontakte noch enger geknüpft wurden.

1888

Am 30. Dezember enthüllte der Technische Verein zusammen mit dem Bayerischen VDI-Bezirksverein am Wohnhaus des 1874 verstorbenen ehemaligen Vorsitzenden Dr. Emil Dingler eine Gedenktafel. die von der Firma L.A. Riedinger gegossen worden war.

1893

Am 10. Juli wurde der ''Industrieverein" Augsburg ins Leben gerufen. Er widmete sich einem großen Teil jener immer spezialisierter werdenden Fragen, die zuvor die Industrie-Sektion des Technischen Vereins behandelt hatte. Vorsitzender war auch hier Theodor Haßler.

Eine "Augsburger Technische Zeitung"

1895

Bei der 50-Jahrfeier des Technischen Vereins im Hotel „Drei Mohren" wurden die großen Verdienste Theodor Haßlers gewürdigt, der nun ein Vierteljahrhundert dem Verein vorstand. In jenen Jahren war auch die „Augsburger Technische Zeitung“ gegründet worden. Das war durch die enge Zusammenarbeit aller an technischen Fragen interessierter Vereine der Stadt möglich geworden. Im Ersten Weltkrieg musste die Herausgabe der Zeitung allerdings eingestellt werden,

Jedem sein eigenes Journal

Parallel zum Polytechnischen Journal von Emil Dingler entsteht 1895 der Wunsch nach einer eigenen Zeitung für die in Augsburg etablierten technischen Vereinigungen, die von nun an unter dem Titel „Augsburger Technische Zeitung" erscheint, in der Staats- und Stadtbibliothek allerdings erst ab 1907 archiviert ist. Ihre Herausgabe endet mit dem Ersten Weltkrieg.

Augsburger Bandstahl für Kameras „Made in Japan"

1893 dauert die Wirtschaftskrise in den USA noch an, da läuft bei Eberle bereits seit drei Jahren das zweite Kaltwalzwerk, welches das Unternehmen endgültig von teuren Importstählen unabhängig macht.

Kaltwalzen, ein dem Warmwalzen entsprechender Vorgang, bei dem lediglich statt Blöcken bereits warm vorgewalzter Stahl auf extrem stabilen Walzwerken weiterverarbeitet wird, bildet auch heute den Produktionsschwerpunkt der 1836 gegründeten Eberle & Cie. die mit Laubsägen für Uhrmacher und Goldschmiede ihren Grundstein legte.

Bandstahl als Ausgangsmaterial für Federn und Sägeblätter, und hauchdünn ausgewalzter Stuhl von höchster Präzision für unendlich viele Anwendungsgebiete, bilden zusammen mit HSS-Bimetall-Bandsägen die erfolgreiche Produktpalette dieser Firma, deren Gründer Jean Norbert Eberle seil 1873 dem 'IVA angehört.

Die ersten 20 PS von Diesel, der TVA ist dabei !

Im Februar 1897 druckt Rudolf Diesel in einem Schreiben an TVA-Mitglied Heinrich von Buz seine tiefe Dankbarkeit und Bewunderung dem Manne gegenüber aus, der ihm bei der Entwicklung des rationellen Wärmemotors zum Erfolg verhalf. Moritz Schröter, Professor an der TU München, hatte wenige Tage zuvor den ersten betriebsfähigen , „Diesel" - Motor auf dem Prüfstand in Augsburg getestet und bei einer Bremsleistung von 20 PS die damals sensationelle Kraftstoffnutzung van 26 % bei einem spezifischen Verbrauch von 240 g je PS-Stunde ermittelt.
Schröters und Diesels Vortrag mit anschließender Vorführung des heute im Deutschen Museum München stehenden Motors lässt die Mitglieder des TVA die Geburtsstunde des Dieselmotors miterleben.
1898 wird der erste Motor für Fabrikbetrieb an die Zündholzfabrik Kempten geliefert und weitere Motoren auf der 2. Kraft- und Arbeitsmaschinenausstellung in München erstmals der Öffentlichkeit gezeigt.